Meine ungewöhnlichen Reisen. Schritte der Hoffnung“

Biografie Herbert Fux

Auszüge aus der Biografie von Annemarie Kury

 


Kriegssplitter. Schon seit Tagen hörte ich aus Radio und Fernsehen, dass Karlovac wieder beschossen wurde. Bei einer kurzen Rast an der Autobahnstation nahe der österreichisch-slowenischen Grenze kam ich mit einem Steirer ins Gespräch, der mir den Unsinn der humanitären Hilfe erklären wollte: „Alle verhungern lassen, krepieren lassen, damit wäre der Krieg gleich zu Ende." Es kostete mich zwanzig Minuten Zeit, meinen Standpunkt zu erklären. Letztlich gab er mir ein Paket Kaffee mit und wünschte mir eine gute Reise. Schon ab Wien war ich im starken Regen unterwegs gewesen. Sechs Stunden später lief der Scheibenwischer immer noch auf höchster Stufe. In Karlovac angekommen kam Franziskanerpater und Flüchtlingsbetreuer Vlado gerade von einem Begräbnis und eilte zur Totenmesse. Die Front war nur zwei Kilometer entfernt. Es wurde täglich geschossen, es gab jeden Tag Begräbnisse von Soldaten und Zivilisten. Ich hätte Glück, erklärte mir Pater Vlado. Bei so starkem Regen würden die Tschetniks nicht schießen. Da schliefen sie und erholten sich. Die Dächer, die über den Sommer repariert worden waren, waren in den letzten Tagen erneut zerstört worden. Die Flüchtlingslager hatten keine Fenster und durch das offene Dach regnete es herein. Auch in der Kirche stand das Wasser. Die bunten Glasfenster waren zerstört. Zum Schutz der Gläubigen waren drei Meter hoch Sandsäcke geschlichtet. Tief ergriffen feierte ich mit den Trauernden die Totenmesse im Schutz der Sandsäcke - nur die Wassertropfen und leises Weinen konnte man hören.
Mittagessen in der Klosterküche. Alle Fenster waren offen und mit Sandsäcken ausgefüllt. Gegen zwei Uhr nachmittags ließ der Regen etwas nach. Mir wurde geraten: „Nun werden die Tschetniks ausgeschlafen sein. Fahren Sie, es wäre schade um ihr Auto!" Beim Auto warteten zwei Buben. Einer hatte Narben von Granatsplittern im Gesicht. Der zweite stand in einer großen Wasserpfütze mit zerrissenen „Sandalen“, mit Schuhen, die ihm zu klein waren und er daher die Kappen abgeschnitten hatte. Er bat mich, ob ich nicht Schuhe für ihn hätte. Ich zog meine aus. Sie passten ihm. Ich gab ihnen noch ein paar Hustenzuckerln aus dem Handschuhfach, zwei Äpfel, einen Kugelschreiber. Mehr fand ich nicht. Ich bekam dafür eine Granathülse, „ganz neu", mit cyrillischer Schrift, leer, etwa zwei Kilo schwer. Kinder im Krieg: Sie bieten Granathülsen und bitten um Essen und Schuhe. In Strümpfen machte ich mich auf den Heimweg. Ohne Schuhe und in Schwesterntracht - wenn dies meine Schuloberin gesehen hätte! Im Rückspiegel beobachtete ich die beiden Buben noch lange. Es schüttet wieder. Scheibenwischer. Ich hätte auch welche für meine Augen gebraucht.