Kinder, wie die Zeit vergeht”

Biografie J. Pichler

Auszüge aus der Biografie von J. Pichler

 


„Der Ernst des Lebens beginnt”

Die Volksschulzeit (1933 bis 1937)

In der Volksschule erlebte ich noch den Rohrstock und verspürte ihn selbst auch einmal, als ich, von einem Mitschüler gekränkt, zornig raufte. Da musste man die Hände nach vorne halten und der Lehrer klopfte mit einem Stab darauf. Sehr wütend wurde er, wenn der Schüler plötzlich zurückzog und er die Hand verfehlte. Eine Verletzung eines Kindes ist mir nicht in Erinnerung, die Härte des Schlages durfte halt nicht überbemessen werden. In der warmen Zeit gingen nachmittags viele Kinder barfuss in die Schule. Das waren Kinder von Leuten mit sehr wenig Geld. Doch weil der Fußboden in den Klassenzimmern nur aus breiten, dicken, glatt gehobelten und eingewachsten Holzbrettern bestand, war das gar nicht kalt. Es gab ja zu dieser Zeit viele Arbeitslose in Österreich und die Ärmsten unter ihnen waren die so genannten „Ausgesteuerten“. Da ging’s wahrlich „ums tägliche Brot“. Die offiziellen Arbeitslosen erhielten ja noch eine Kleinigkeit vom Staate, aber diese „Ausgesteuerten“ waren ganz ohne Einkommen. Sie machten meist private Gelegenheitsdienste, aßen Klostersuppe, gingen betteln. Mein Vater hatte durchgehend Verdienst im Großhandel der Firma Max Christ. Die Not habe ich so am eigenen Leib nicht verspürt. Meine Mutter hatte immer ein gutes Herz. Einige arg betroffene Freunde oder Schulkollegen durfte ich regelmäßig zum Mittagstisch mitbringen. In einer Familie waren sie acht Kinder in einer Zweiraum-Wohnung, eines schlief gar in einer herausgezogenen Lade, ein anderes – heute unvorstellbar! - im Waschtrog.

Josef Pichler

Im Kreise meiner Familie, mit Mutter, Schwester Marianne, Vater und Bruder Ernst. Weihnachten 1941



„Als Gefangener in Frankreich“

Den Tod als Begleiter. Bis 26. Februar 1946

Irgendwann hatte ich mir eine etwa 30 cm hohe leere Fettdose organisieren können, in der ich meine Habseligkeiten verwahrte und die ich meistens bei mir trug. Musste ich mich etwa um Essen anstellen, war mir das Gefäß ein Sessel und das war gerade bei Regen ideal...

Wir wurden wegen des ständigen Hungers immer schwächer. Beim Aufstehen wurde man schon in Sitzhöhe von Schwindel befallen und gleich hieß es, sich eine Zeit lang wo anhalten. Der Sexualtrieb war völlig entschwunden, man war vollständig entkräftet. Gerne schrieb man Kochrezepte, man träumte vom Essen. Die Bauern unter uns erzählten von der Üppigkeit des Schweinefütterns. Täglich starben einer oder auch mehrere an Entkräftung. Man fing an Gras zu essen, aber davon bekam man Durchfall. Ich hütete mich davor. Nach dem, was ich sah und selbst spürte, muss so ein Hungertod, im Gegensatz zum Verdursten, nicht schmerzhaft sein. Man konnte am Abend noch völlig normal mit dem Betreffenden sprechen, aber dann, in der Früh, war er bereits still entschlafen. Das Wort Entschlafen stimmt hier wohl, denn geistig waren diese Menschen bis zum Schluss voll da. Es hat mich sehr getroffen, als man einen jüngeren Wiener, mit dem ich mich oft unterhalten hatte, in eine Art Krankenstation fortbrachte. Er war von Natur aus schon etwas schwächlich und es ging ihm sehr schlecht. Nach zwei Tagen erfuhren wir, dass er gestorben war. Die Holzkohle und das geröstete Schwarzbrot, das man in diesen Fällen verabreichte, hat nicht mehr geholfen.